The Trash Queen
Heute abend traf ich am Alexanderplatz eine verwirrte Frau. Ein paar Jugendliche, die wahrscheinlich zum Alexanderplatzinventar gehörten, umringten sie, lachten, empörten sich und genossen sie als eine Art Straßenunterhaltung. Die Frau trug ein rotes Glitzerkleid, wie ich der 110 diktierte, war etwa zwischen dreißig und vierzig Jahre alt und rieb sich mit Müll ein (Na ja, wenns denn schön macht, entgegnete der Beamte am Telefon). Ein paar der fasziniert-überforderten Kids waren erleichtert, dass ich die Polizei rief. Sie hatten scheinbar nicht den Mut dazu. Unterdessen begann die Frau, aus Weißbrotresten einen Puppentisch zu decken, auf den Gehwegplatten am Fuß des Fernsehturms. Für ihren Hund, erzählte sie den neugierigen Jugendlichen, doch da war kein Hund zu sehen. Sie lachte und schimpfte und hob die Hände voll Fastfoodmüll zum Himmel, fuchtelte mit Strohhalmen, Brotresten, Pommes Frites in der Luft herum und lief in kleinen schnellen Kreisen, als habe sie Wichtiges vor.
Die Polizeibeamten baten die Frau zur Seite, was der fluchende BSR Mann zum Anlass nahm, mit seinem Kehrmobil über den gedeckten Puppentisch zu brausen und auch den restlichen Müll aus den Büschen zu kehren und aufzusaugen, aus dem die Frau sich bedient hatte: Nehm se die mit, denn kann ick endlich meine Arbeit weitermachen, fauchte er den Bullen zu. Am Boden blieben feuchte Schlieren zurück. Weil die Frau nicht auf ihre Fragen reagierte, sondern weiter in gebrochenem, aber recht versiertem Deutsch vor sich hinlamentierte, zogen sich die Beamten hinter ihren Einsatzwagen zurück und beobachteten, wie sie eine Hand voll Scherben aufhob, sie emporhielt wie Edelsteine und sie freudestrahlend, frustgeladen erst zu den Jugendlichen, dann zu den Polizisten trug. Sie bekam nichts dafür und schmetterte sie zu Boden. Ihr Kleid glitzerte schwarz-rot in der Dunkelheit. Sie aß von dem Müll in ihrer Hand, die Jugendlichen kreischten.
Ich ging, als die Polizisten uns baten, den Weg fortzusetzen, damit die Dame die Bühne verliere und wieder ihr eigenes Ding mache. Es beeindruckte mich, dass sie so offenkundig traurig waren: Der Rechtslage nach konnten sie der Frau vielleicht nicht einmal helfen, sie nur beobachten. Ich dachte, vielleicht war sie schön, früher einmal, und hat in einem bulgarischen oder rumänischen Dorf Prinzessin gespielt, bevor die große Armut kam. Hatte Deutsch gelernt in der Schule, und stand nun, bodenlos, im Festkleid auf dem Alexanderplatz und spielte im Müll, den die Touristen und abhängenden Jugendlichen das Wochenende über in die Büsche geworfen hatten. War das der Weg, den ihre Verzweiflung nahm? War das der Weg, der ihrer Wut blieb, ohne sich strafbar zu machen und aus dem Land zu fliegen, ihre glitzernde Darbietung im Müll? Was würde sie bekommen, ein Beruhigungsmittel, ein, zwei betreute Nächte in einer Klinik? Wieviel psychologische Arbeit wäre nötig, um sie auf den Weg der Heilung zu bringen, um ihr ein würdiges Leben zu ermöglichen? Wieviel Wut mochte sie in sich tragen, dass sie sich so bitterlich erniedrigte vor ein paar sensationssüchtigen Jugendlichen, denen sie Plastikflaschen schenkte?
Ich dachte, ich hasse Berlin dafür, dass die Leute sich amüsieren, wenn jemand Hilfe braucht.
Die Polizeibeamten baten die Frau zur Seite, was der fluchende BSR Mann zum Anlass nahm, mit seinem Kehrmobil über den gedeckten Puppentisch zu brausen und auch den restlichen Müll aus den Büschen zu kehren und aufzusaugen, aus dem die Frau sich bedient hatte: Nehm se die mit, denn kann ick endlich meine Arbeit weitermachen, fauchte er den Bullen zu. Am Boden blieben feuchte Schlieren zurück. Weil die Frau nicht auf ihre Fragen reagierte, sondern weiter in gebrochenem, aber recht versiertem Deutsch vor sich hinlamentierte, zogen sich die Beamten hinter ihren Einsatzwagen zurück und beobachteten, wie sie eine Hand voll Scherben aufhob, sie emporhielt wie Edelsteine und sie freudestrahlend, frustgeladen erst zu den Jugendlichen, dann zu den Polizisten trug. Sie bekam nichts dafür und schmetterte sie zu Boden. Ihr Kleid glitzerte schwarz-rot in der Dunkelheit. Sie aß von dem Müll in ihrer Hand, die Jugendlichen kreischten.
Ich ging, als die Polizisten uns baten, den Weg fortzusetzen, damit die Dame die Bühne verliere und wieder ihr eigenes Ding mache. Es beeindruckte mich, dass sie so offenkundig traurig waren: Der Rechtslage nach konnten sie der Frau vielleicht nicht einmal helfen, sie nur beobachten. Ich dachte, vielleicht war sie schön, früher einmal, und hat in einem bulgarischen oder rumänischen Dorf Prinzessin gespielt, bevor die große Armut kam. Hatte Deutsch gelernt in der Schule, und stand nun, bodenlos, im Festkleid auf dem Alexanderplatz und spielte im Müll, den die Touristen und abhängenden Jugendlichen das Wochenende über in die Büsche geworfen hatten. War das der Weg, den ihre Verzweiflung nahm? War das der Weg, der ihrer Wut blieb, ohne sich strafbar zu machen und aus dem Land zu fliegen, ihre glitzernde Darbietung im Müll? Was würde sie bekommen, ein Beruhigungsmittel, ein, zwei betreute Nächte in einer Klinik? Wieviel psychologische Arbeit wäre nötig, um sie auf den Weg der Heilung zu bringen, um ihr ein würdiges Leben zu ermöglichen? Wieviel Wut mochte sie in sich tragen, dass sie sich so bitterlich erniedrigte vor ein paar sensationssüchtigen Jugendlichen, denen sie Plastikflaschen schenkte?
Ich dachte, ich hasse Berlin dafür, dass die Leute sich amüsieren, wenn jemand Hilfe braucht.
ruebefrei - 10. Okt, 21:37