ich bin gestern ueber den weihnachtsmarkt zwischen marienkirche und rotem rathaus gegangen, da standen 5 jungs um die sechzehn jahre und sangen dreistimmige weihnachtslieder, sehr besinnlich, manchmal etwas zu leise, wenn der krach von den lautsprechern zu laut herueberdrang.
ich dachte: warum singen die hier in einer ecke bei den toiletten, manche leute machten ihre witze ueber singende kinder, wenige blieben stehen und klatschten beifall.
die jungs hatten ihre ruhe weg in der musik, sehr kunstvolle lieder, und hörten erst auf, als die security kam und meinte sie sollen jetzt aufhoeren ohne genehmigung. es war den beiden maennern dann etwas peinlich, weil sie merkten, dass die jungs aus recht gutem hause waren und etwas von einer qualitaet darboten, die sie nicht verstanden. wir wollten den leuten halt eine freude machen, sagten die jungs und zuckten mit den schultern.
ich war sehr wuetend, und dachte, das ist mein deutschland, wo man das einzige stueck weihnacht vom weihnachtsmarkt scheucht. und: es hat sich noch einiges zu aendern, bis dieses land lebenswert wird. es war dann kaelter zwischen den gluehweinbuden und den waegen voller zuckerzeug.
ruebefrei - 5. Dez, 21:10
es hat mich sehr traurig gemacht, dass Ihre Frau, Mutter und Großmutter Christa Wolf am Donnerstag gestorben ist. Mit gerade 28 Jahren gehöre ich vielleicht zu einer jüngeren Gruppe von Lesern, dennoch haben mich ihre Werke in den letzten vier Jahren berührt wie kaum ein anderer Autor es vermochte.
Da erstand sie wieder, die Heimat, die ich nur einem dumpfen Gefühl nach vermissen kann, da setzte eine mutige, keine Auseinandersetzung scheuende Frau in Worten um, was erst allmählich an mein Bewusstsein dringt: Dass wir bleiben müssen und in uns gehen, dass wir immer wieder zu zweifeln und zu hinterfragen haben, was unseren Gedanken zugrunde liegt.
Ich bewundere, mit welcher Kraft Christa Wolf ihren ganz persönlichen Diskurs mit uns Lesern teilte (und teilt), wie sie ihre intimsten Gedanken literarisch aufarbeitete und damit prüfte, ob sie vor der öffentlichen Kritik bestehen konnten. Man könnte fragen: Wenn ein Satz, eine Passage vor Christa Wolfs Selbstkritik bestand, was hatte er in der Welt zu befürchten? Dennoch scheint es, sie habe die Relevanz, die Berechtigung ihrer Worte immer wieder zu Diskussion gestellt, für sie gekämpft, sie verteidigt.
Hatte sie das nötig, und was trieb sie an, immer wieder klein zu werden vor sich und dem Publikum? In den Nachrufen ist viel von der persönlichen Beziehung zu den Lesern die Rede, entstanden dadurch, dass Christa Wolf die individuelle Gefühlswelt ins Verhältnis zu gesellschaftlichen Prozessen setzte. Nun, was im kleinen stattfindent, bildet sich im großen ab, und für mich schrieb sie aus dem tiefen Verständnis dieses Zusammenhangs.
Meine persönliche Beziehung zu Christa Wolf ist geprägt von ihrem Trotz, ihrem Unwillen, etwas zu glauben, dass sie nicht zuvor sorgfältig geprüft und an ihrem eigenen Erleben bestätigt gefunden hatte. Von ihrer Bereitschaft, immer wieder den schwierigsten Weg zu wählen, die schmerzhaftesten Fragen zu stellen, und sich mit den vermeintlich großen zu überwerfen. Von ihrem unerschütterlichen menschlichen Kern.
Sie offenbarte mir in ihren Büchern ihre liebevolle, oft ironische Spiritualität und einen starken Glauben, woran? Dass man anschreiben kann gegen Feigheit und Lügen, dass Worte gehört werden, wenn man sie ausspricht, dass es einem selten von anderen gelohnt wird, wenn man bleibt und für seine Überzeugung einsteht. Dass man auch daran wächst, Verantwortung für die eigenen Irrtümer und Unzulänglichkeiten zu übernehmen.
In einer Zeit, als ich mich identitäts -, ja heimatlos fühlte, gaben ihre Gedanlen mir neuen Boden und die Zuversicht: Diese Gefühle sind zu bändigen, und eine Heimat haben wir dort, wo wir sie gestalten. Ich habe in Christa Wolf eine Freundin, Weggefährtin und Seelenverwandte gefunden, als ich zu fragen begann, und es tröstet mich ein wenig, dass sie ihren Weg beschließen durfte, dass sie sich auf den Tod vorbereiten konnte, dass 'man' sie zu Ende schreiben ließ.
Mit Christa Wolf verliere ich einen Menschen, der wie kein anderer aus der Tiefe meiner Seele zu mir sprach. Zu ihrem Tod möchte ich Ihnen als Familie mein tiefes Mitgefühl und mein herzliches Beileid ausdrücken.
Ihr Rübefrei
ruebefrei - 4. Dez, 14:55
habe ich gestern sehen duerfen, das regiedebut von bogdan apetri, einem jungen regisseur aus rumaenien, der an der columbia in new york sein filmhandwerk lernte.
zum film sei gesagt, dass ich lange keinen sah, der soviel authentizitaet an den tag legte, dafuer, dass er sehr kuenstlerisch aufgezogen ist von den szenen, einstellungen. das liegt vor allem an der fabelhaften hauptdarstellerin, die so sehr in ihrer rolle aufgegangen ist, dass ihre gefuehle den film vollständig einnehmen (das soll mal einer nachmachen).
ich habe nach der vorführung noch ein wenig mit bogdan gesprochen, es war wie eine offenbarung, dass noch leute klar sehen und ihre wahrnehmung kompromisslos umsetzen. der mann hats drauf, und vielleicht kann ich mit ihm in kontakt bleiben.
wer jedenfalls die möglichkeit dazu hat und gute filme schätzt, sollte sich
diesen UNBEDINGT anschauen.
ruebefrei - 22. Okt, 01:21
muss ich mich darueber, wie die medien gaddafis tod zelebrieren. sind wir denn noch im mittelalter, dass man sich an solchen schauprozessen freut?`
natuerlich war er ein verbrecher, und natuerlich hat man ihm im moment der festnahme ein paar kugeln verpasst, weil man ihm menschenrechte haette zugestehen muessen, haette er zeit gehabt, sich zu ergeben. einem gewissen bin laden ging es nicht anders.
aber muessen wir mitteleuropäer auf die hetze mit einsteigen? ja wir muessen, um es auch als folgerichtig zu empfinden, dass sich westliche firmen in lybien installieren und bereichern. dass wir bei den primitiven sicherheitskraefte ausbilden und demokratie und umweltschutz, man kennt ja nun langsam die rechtfertigungen für derlei wirtschaftsinvasion. und die lybier kapieren nicht, dass gaddafis mord den gruendungsakt ihres neuen staats markiert. korruption und gezielte manipulation durch den westen, die werden sich umschauen, wenn ihr bisschen euphorie sich legt.
mir tut es echt um die leute leid, die sich da reinhauen fuer ihren traum von einem freien lybien. solange sie mit westlichen waffen schießen, bleiben sie westliche kolonie.
ruebefrei - 22. Okt, 01:09
laengst ueberfaellig, habe ich gerade schwarze katze, weißer kater geschaut! nach so einigen filmen der letzten zeit habe ich ja das kuenstlerisch-gestellte mal so richtig satt, filme, denen man anmerkt, dass die schauspieler vertraglich festlegen, wofuer sie sich hergeben und wofuer zu schade sind. filme, die einfach nur inszeniert sind und kein bisschen leben, daher auch kein bisschen leben abbilden koennen.
und dann dieser haufen zigeuner, die einfach nur party machen, und man darf getrost davon ausgehen, dass die nach dem dreh einfach weitergefeiert haben! es gibt ja so momente, da spuert man, hier entsteht etwas, das in ein nuechternes drehbuch nicht zu fassen ist, hier verwirklicht sich ein lebensgefuehl, das wir alle teilen. und kusturica kann den leuten das vermitteln: so, jetzt hoert mal auf zu schauspielern und fangt an zu sein!
und dann das schwein, das den trabbi frist! und wie kann man so echte menschen mit der kamera einfangen und so einen geilen film daraus machen! man muss sich innen drin echt nen teufel um europa und seine kunstszenen scheren. alle daumen hoch vor begeisterung!
ruebefrei - 17. Okt, 00:52
dachte ich hinterher und spuerte doch, es ist noch nicht alles gesagt. laengst nicht alles ist gesagt, und ich wuerde bloggen muessen, kein realer gegenueber haette die ausdauer, das mit anzuhoeren, und wuerde es auch kaum verstehen.
der deutsche film ist in der krise, verstrickt irgendwo zwischen schuld und stil und jener progressiv gemeinten regression, die unter perfide gepflegten hornbrillen und geheimratsecken das schlimmste aus 150 jahren deutscher geschichte wiederbelebt. schwochow und tykwer, um nur zwei vorzeige uebeltaeter zu nennen.
letzterer, unter des seligen eichingers taetschelnder hand und einigen millionen foerdergeldern mit 'das parfum' zu oskars gelangt, vergisst die grundlage ernsthaften handelns: die frage, was will ich erreichen. kein oskar der welt entbindet dich davon: was du zeigst wirkt, und diese wirkung verantwortest du, vom einfachen farbfilter bis zum entsetzlichst versauten satzmonster und grotesker selbstinszenierung deiner schauspieler bis zu laecherlichen berlineinstellungen, die sich an sich selbst verueberfluessigende kleinkuenstler sonst auf kacheln und leinwand drucken und auf den flohmaerkten und ansichtskarten verschleudern.
das alles verantwortest du mit deinem film: eine falsche, gestellte, gespielte, gelogene wirklichkeit, die nur jenen vertraut sein kann, die die cafes bevoelkern zwischen mauerpark und kollwitzkiez, selbstverliebt und tragisch verkannt. die zwischen schauspielerei und leben nicht mehr unterscheiden koennen, die sich noch im halbschlaf fragen, welche pose sie gerade einnehmen und ob sie die gewuenschten blicke auf sich ziehen. die ihre tagesform darin ausdruecken, zu welchem ausmaß sie das -en am wortende als gebundenes n sprechen.
ich bin froh, dass ich den film nicht im kino sah: tom tykwer - drei. sich eruebrigende ethikfragen, spaetgebaerendentrend, patchworkfamilientum verpantscht mit union berlin und den koerperwelten, ein bisschen tod, ein bisschen sex und viel schwachsinniges gerede: wie gesagt, ein oskar entbindet dich nicht von der verantwortung, die wirkung des gezeigten zu vertreten.
was soll man nun denken: im ueberbelichtet realitaetsfremden biotop der prenzelelite entdecken die menschen ihre tiefe trauer, die selbst ihre restlos ausgelebte kreativitaet nicht lindern kann, sie fuehlen sich einsam, unbefriedigt und wissen nicht wieso, sie haben doch immer gemacht, wie mama sagt. geld macht nicht gluecklich, wenn der sex nicht mehr laeuft, und wenn man mal hodenkrebs kriegt, muss man komplett fehlbesetzt seine hohe stirn ins portrait halten, unten ein bisschen grinsen, oben ein bisschen leiden.
kollege schwochow folgte schon in 'novemberkind' aehnlichen vorsaetzen, und leistete sich einen aehnlich fehlbesetzten maennlichen protagonisten wie tykwer, welcher einzig durch seine befremdlich tiefe stimme beeindruckte, erst den (tragisch gescheiterten) frauenversteher gab, dann an anna marie muehe herumgrabschte, und sonst aussah wie einer castingshow fuer vintage schwuchteln entlaufen.
selbstmitleid, verzerrte farbspiele, die der zwischenmenschlichen einoede auch nicht gerecht werden, schauspieler, die ihre bloße erscheinung als kunstwerk begreifen, regisseure, die nichts verwirklichen koennen außer sich selbst. der deutsche film ist in der krise, er leckt sich die wunden und macht den eiter zu geld. dass man filmisch reflektiert, indem man einfach mal zeigt, was ist, dass man drehbuecher den koepfen einfacher leute und nicht den wohlstandssorgen einer kulturelite entnimmt, dass man dem publikum ueber den roten teppich hinaus verpflichtet bleibt: ach, lassen wir das.
wie man hoert, dreht frau muehe einen, sicher sehr tiefgruendigen porno, schwochow verfilmt unterdessen 'der turm'. man darf sich also angeregt durchs haar fahren in den prenzelbars, durcheinandervoegeln, weiterdiskutieren. filmte einer, wie es wirklich aussieht in den koepfen, man muesste in die popcornmaschine kotzen.
ruebefrei - 3. Okt, 01:59
ich hatte also gestern das, was man gemeinhin als one night stand bezeichnen wuerde. ich muss aber zu meiner verteidigung sagen, dass dies durchaus kein oberflaechlicher kontakt war. ich vertrete ja die ansicht, dass eine beziehung sich nicht ueber dauer oder tiefe, sondern ihre ernsthaftigkeit definiert.
rosenspaliere werden ueberbewertet, sagte ich, als wir unter einem baugeruest durchgingen, und sie antwortete: wer braucht schon ein meer und den sonnenuntergang. wir saßen auf einer bank am ubhf mehringdamm, verpassten nachtbus um nachtbus und teilten uns ein bier. sie lag schon betrunken in meinem arm und ich schaute den ampeln beim vom rot auf gruen und gruen auf rot wechseln zu.
das glaubt mir kein mensch, dachte ich, und kurz darauf hatten zwei vorbeischlendernde deutschtuerken gelegenheit, mit einem prolligen, 'krass zungenkuss' ihren neid zu bekunden. folgten gefuehlte zwei stunden nachtbus odyssee. am hackeschen markt setzte sich eine spontankonkurrentin neben mich, rauchte, auch meine betrunkene bekanntschaft steckte sich eine zigarette an. andersrum, zischte es von links, denn dame rechts von mir hatte die zigarette falschrum im mund, wie dreckig, dachte ich fuer mich.
ich hasse rauchende frauen, ich trinke kaum alkohol, und leute zu kuessen, denen der sueßliche fusel aus den mundschleimhaeuten dunstet finde ich ekelhaft. das gefuehl, nehmen zu muessen was ich kriegen kann, laesst mich ueberhaupt sowas ertragen, und mehr als einmal hab ich mich gefragt, warum ich nicht einfach gehe. es war eine komische nacht, und ein bisschen niveau koennte in zukunft nicht schaden.
ruebefrei - 14. Sep, 23:23
sie hat mich vor einem jahr mal abserviert, hoehnisch in meinem beisein mitgeteilt, dass ihr freund in der fdp koeln funktionen hat, nachdem klar war, da laeuft nichts mehr. sie sei opportunist, sagte mein therapeut am uebernaechsten tag, und wollte wohl einen geilen fick, ihm kam das sichtlich schwer ueber die lippen.
ich habe darueber nachgedacht, ihre schwere kindheit beruecksichtigt, der fruehe tod ihres vaters, waisenrente und dieser trotz ihrer strahlend blonden erscheinung schwermuetige blick; dass sie nicht profitaenzerin werden konnte, obwohl sie 16 pirouetten am stueck schaffte und sich soviel versagt hatte fuer ihren traum.
das alles ist fuer mich kein grund dafuer, waehrend des politik studiums im fdp callcenter waehlerfragen zu beantworten, 11 euro die stunde hin oder her.
am montag stieg sie aus der bahn, in die ich einstieg, handy am ohr, mit schmerzlich-zynischem mund und schweren lidern, zu mehr als einer verbitterten hostesse reicht es bisher nicht. was fuer fragen wuerde sie heute beantworten? 2,6 prozent in mecklenburg, und raus aus dem landtag.
sie hat sich zu den typen mit den dicken eiern geschlagen und steht wieder nur bei den verlierern. einmal wird sie blond und schwerer lider von laternenmasten blicken, liberal. waere sie nicht so dumm, sie koennte mir leid tun.
ruebefrei - 7. Sep, 22:39
japan hats geschafft! und es waren sogar japaner in der kneipe! und ich hab es ihnen so gewuenscht, nach jedem scheiß gegentor, dass sie zurueckkommen. ich habe so laut gebruellt! was fuer ein spiel! und die haben es so sehr verdient! und die koennen sich so ehrlich freuen! es ist so geil! yeah!
ruebefrei - 18. Jul, 00:29