wort
stahlgewittergrau
ruebefrei - 4. Dez, 17:55
Aufschreiben, was aufgeschrieben werden muss, denn aufgeschrieben muss es werden, wo kämen wir da hin, wenn man nicht aufschriebe, was aufgeschrieben werden muss, das wäre inkonsequent und in einem Maße ungehörig, dass es dem Fass die Schuhe auszöge, käme dieses nicht barfuß des Wegs.
Dinge geschehen und scheren sich gemeinhin nicht darum, wie wir sie wahrnehmen, bezeichnen und dokumentieren. Sie sehen sich wahrscheinlich nicht einmal als Dinge, weil ihnen doch der nötige Apparat zur Selbstreflektion fehlt. Lucky them. Und sie wissen nichts von ihrem Glück.
Wir aber wissen sehr wohl oder geben vor oder bilden uns ein, jedenfalls wissen wir eigentlich, wie es geht mit dem Glück, auch wenn das Verkettung ungünstiger Umstände geschuldeten Umständen meistens schief – na ja - geht, das ist ja nicht unserer Schuld, und, so habet zum Zeichen, schätzt eine präzise Fehlerrechnung den Vertrauensbereich des Milchmädchens auf Mitte dreißig.
Jedenfalls wissen wir. Und das muss man aufschreiben, denn Wissen, das nicht herniedergeschrieben, wem nützt, der nicht sprechen, versteht, aber niemanden einlässt in die Schatzkammer seines umsichtigen Geistes, der unter dem Gerümpelhaufen leise fluchend seine Wunderlampe nicht findet und deshalb unter akutem Schlafmangel leidet?
Mir nicht. Auf allen Märkten tanzte ich den Flohwalzer und trat doch nur in matterndes Messing. „Zu Füßen!“, schnauzte der Pöbel und langte nach den neunundneunzig Cent, die die Welt bedeutet hätten, hätte jener Depp sie erstanden, als sie, in weichen Tüll gewickelt, vor ihm in die Auslage schneuzte und ihre keusche Pracht auf das letztnovemberliche Pflaster reifte. Er jedoch vergriff sich und trug das Service nach Hause, pflanzte es ein am heimischen Herd und harrte der Röslein, die da dorrten.
Spät am Abend sprachen die Götter. Und sendeten sie vom Himmel, der für sein Entgegenkommen den Dank des Erdenkreises zu frischer Butter verrührte, eine Zahl. Scharten um sie eine Menge und schnitten sie mit dem Kern seines Bildes in dem Raum, den ihre Güte geradeso aufspannte, wie sie es für richtig hielt.
Der Raum hielt. Nicht an Versprechen dachte er dabei, sondern fügte sich still seiner Statik. Denn was holzgewordener Rippchen an seinem provisorischen Firmament prangte, säuselte sanft zu dem Brodem vergangener Kinder und ließ denjenigen einen guten Mann sein, der das wollte.
Ich wollte nicht einmal die gute Miene zum Mann, und doch reichte man mir das Testikel. Ich nahm hin und denn dachte, ich könnte das händeln. Die Verhandlung scheiterte mit meiner Hinnahme alles angedachten, und so werde ich meine Tage wieder auf den Markt tragen, auf dass die spitzen Zungen ihren Zeitwert geringschätzen.
Schon lechzen die neuen nach urbarer Sitte und sammeln beständig das Wort. Ward es Fleisch oder Fisch oder Weib und Gesang, die verbliebenen schrieben mit wütenden Fingern und wussten zum Ende nur eins : null.
ruebefrei - 1. Dez, 15:25
Es käme ein Schlauberger des Wegs, der würde sein Genie an die Gegensprechanlage schlagen und verkünden, wie die Gefühle maßlos überbewertet wurden in einer Zeit, da die Genusssucht die kühlen Köpfe dahinraffte. Ein zweiter würde Glück und Leid in eine objektivierbare Messgröße fassen und beweisen, dass, Gesetz der großen Zahlen, eine emotionale Erhaltungsgröße existiert, die als Summe über Liebe und Hass, Krieg und Frieden oder Glück und Leid geschrieben werden kann. Er würde nicht wagen, seinen Satz von der Liebeserhaltung Gott zu nennen, obschon er sicher sagen könnte, das beschriebene Prinzip sei in und um jeden empfindenden Menschen, es verbinde sie und quantifiziere die Dynamik der sozialen Interaktion: Wer nach Glück strebte, verursachte Leid, wer aufstieg, brachte den nächsten zu Fall und wer sich in den Mittelpunkt vorkämpfte, drängte wieder andere an den Rand.
Die Esoteriker brächen in Jubel aus, denn sie hätten diese Energie als erste gespürt. Vorbei die Zeit, in der sie ein Nischendasein führten, milde verkannt und schief belächelt. Nur noch eine Frage der Zeit war es, bis man mit der Geisteskraft Wasser kochte und die vereinigte Genomsequenz ins All hinaus funkte, auf dass die Menschenheit neu erstand, Lichtjahre entfernt, in einer besseren Welt. Wissenschaftler würden sich die bis an die Zähne ausfinanzierten Mäuler zerreißen über dem angebrochenen Denkzeitalter, die Philosophen kämmten ihre Geheimratsecken fortan in die entgegengesetzte Richtung und die Häupter der Gläubigen täten das ihre, um den Leib vor der feindlichen Strahlung zu schützen.
Behielte der Schlauberger Recht, so müsste seine Erhaltungsgröße am Ende der Welt ins Negative ausschlagen, um die Vorstöße jener Pioniere auszugleichen, die das gewonnene Wissen zum Wohl der Menschen anwenden wollten. Selbstloses Öl flösse auf die Mühlen derer, die da Gleichheit predigten, und das Heil läge nicht länger im Sieg von Gut über Böse, sondern im Augleich aller Spannungen der Welt.
Eines Tages träfe der Schlauberger, nun gebührlich anerkannt, gefragt und ausgezeichnet, zwischen den gestärkten Bettlaken eines Flughafenhotels das Nichts. Gedämpftes Licht schimmerte gegen das schwarze Fenster, unter dem sich die Lichterstreifen der Autobahn in die nahe Stadt ergossen, und er würde die Leere spüren, so unverhofft, wie er einst erkannt hatte, dass man die Grundannahmen der Physik auf geistige Phänomene übertragen konnte. Auf den folgenden Konferenzen nähme er an, sein progressiver Geist addiere sich mit den empfangenen Ehren zu Null, gedämpft oder gemittelt strebe sein Denken in jenes Kräftegleichgewicht, das er beschrieben hatte und das er demnach als Leere empfand. Doch tief in ihm fräße das Nichts die Größe, deren Existenz er bewiesen hatte.
Da klatschten sie ihm Beifall mit ihren artigen Ponys und hohen Stirnen, während sein Erhaltungssatz in die Schublade wanderte, zu den anderen, bis ihn ein findiger Tüftler zum Bau umweltfreundlicher Autos heranzöge. Was unter seinen freien Gedanken das Miteinander neu entfaltete, lag niedergeschrieben wie eine gestrandete Qualle auf dem Seziertisch und hauchte sein Leben aus.
Unwirklich erschiene dem Schlauberger die Welt, die er bis zu diesem Punkt als selbstverständlich erlebt hatte. Er würde ängstlich darauf verzichten, diese Entwicklung einer gigantischen Wissensunschärfe zu unterstellen, denn die Leere in ihm wüchse mit jeder neuen Bahn, die seine Gedanken brechen wollten. Ein dritter Schlauberger träte dankbar in seine Fußstapfen.
ruebefrei - 17. Nov, 17:32
las ich gerade:
Weibliche Aufrichtigkeit ist ein Beweis für äußerstes Desinteresse.
(Helmar Nahr)
wie der dahintergekommen ist?
ruebefrei - 4. Nov, 15:42
einer meiner lieblingsnachnamen ist pinkpank. den gibt es haeufiger als man denkt, und so ein pinkpank hat mir mal erzaehlt, das kaeme aus der zeit, als die nachnamen nach berufsgruppen vergeben wurden, also die ueblichen verdaechtigen entstanden. fragt man sich natuerlich, welcher beruf pinkpank macht... pinkpank, wer haette das gedacht, war und ist das lautmalerische pendant von schmid(t). schoen ist auch
das hier, icke mittendrin im pinkpankland...
ruebefrei - 29. Okt, 14:22
sagte die dame judith und kehrte uns die taube seite zu. ihre liebe behielt sie fuer sich wie ihr geheimnis und der todesengel erwischte sie doch auf dem falschen fuß.
dass das schicksal zwei brueder hat, naemlich einen guten und einen boesen, die glueck und zufall heißen und dass das leben regeln braucht, wenn man die brueder aus dem haus haben will; dass liebe durch die maegen italienischer kriegsgefangener geht und der alte zopf laengst nicht in vergessenheit geraet, nur weil er ab ist; dass der schnee die anmutigen engel aus dem norden lockt und die kraehen ein unwissenschaftliches volk bilden; dass die liebe dinge vollbringt, die die menschen nicht fassen koennen und der kuhhandel gelernt sein will; dass die milch sauer wird, wenn man die liebenden trennt und man felsen besser in ihrer grube laesst; dass die seele sich dem querleser verschließt und zwischen den zeilen wartet, bis man sie dort besuchen kommt; dass die buchstaben wie die gedanken manchmal rueckwaerts laufen und dass sprache von den verschmitzten woertern lebt, die sich unter das korrekte begriffsvolk mogeln.
einmal, wenn es um unsere welt arm an gefuehlen steht, wird man nach den gefilden suchen, in denen die liebe nistet. man wird diese als versteckte bibliotheken und groeßte schaetze handeln und ihre erschaffer befragen, aushorchen, man wird versuchen hinter das geheimnis ihrer menschenkenntnis zu kommen und die filigranen muster untersuchen, zwischen deren aestlein den voeglein gleich tschiept, was sich aus den menschenseelen verfluechtigt hat. man wird dort nichts finden. man wird skalpell und baumschere schaerfen und proben nehmen von dem alten holz, seine struktur beschreiben und seine seele verscheuchen.
die liegt in einem laecheln, mit dem die juden ihr leben meistern, im kleinen wie großen wie schrecklich wie schoenen. sie liegt in einem laecheln, das erhaben ist ueber jeden spott und jedem ding seinen platz zubilligt auf der erde, ein laecheln, mit dem meir shalev uns von judiths liebe erzaehlt, die ein kleines kind namens sejde gebar, das drei vaeter hat. ein kind, das dem todesengel und der leidenschaft trotzt, die beleidigt und verwirrt von dannen ziehen, denn bei einem kind, das großvater heißt, da muss ein irrtum vorliegen.
nur auf der suche nach diesem laecheln durchstreifte ich vor tagen das juedische museum. mich interessierten nicht diaspora, nicht worms, nicht exodus und nicht voelkermord. in den museumsladen zog mich nur die traege neugier, die zwischen zeitzeugengeschwafel und postkartenkitsch nichts bedeutendes erwartete. doch da lag sie, auf einen buchdeckel gebannt, und laechelte mich an: die lebhafte juedische seele!
wer von dieser welt geht, ohne darin geblaettert zu haben, tut mir leid. ich moechte auch die uebersetzerin ueber alle maßen loben, die das laecheln fuer unsere sprache erschlossen hat!
ruebefrei - 14. Okt, 21:10
dass avocados ziemlich hart gehandelt werden?
ruebefrei - 4. Okt, 22:16
... dass du eine schoene kindheit hast, denn was hat ein junge schon außer der kindheit? kraft hat er nicht, verstand hat er nicht, und eine frau hat er auch noch nicht. nur liebe hat er, die ihm leib und leben ruiniert.
abgeschrieben
hier.
ruebefrei - 15. Sep, 02:20
dann kommen mir woerter, die ich lange nicht verwendet habe, unendlich unaesthetisch vor, als wuerden sie so ein aerks gefuehl bezeichnen. ich lasse sie mir dann auf der zunge zergehen und frage mich, wer so einen unlaut in die welt setzen konnte und wieso mir das nie frueher aufgefallen ist. nach einer stunde ist das gefuehl dann weg.
ganz schlimm: brasilien
oder heute: verluden (sowieso komisch)
ruebefrei - 13. Sep, 17:25
alle ueberkommenen eheklischees, entstellt von der schludrigkeit unvollstaendiger emanzipation;
alle uebereltern kompetenzueberschreitungen;
ein gutes maß interaktive unpaesslichkeit;
sturheit, dreistigkeit, einfalt, tod, indifferenz, tradition, vorurteile, liebe mit abgelaufenem verfallsdatum, reichlich schlechten sex;
verruehre alles zu einer formlosen uebelriechenden pampe;
haue alles so pathetisch wie moeglich in die fressen der handlungstraeger, gleichmaeßig auftragen;
richte es mit ein wenig unterhaltsamkeit auf 191 seiten an und garniere es mit ein paar frechen phrasen spitzer franzoesischer zunge – bon appetit!
oder:
„welch bloede idee, unsere mutter mit sechzig noch zum psychoanalytiker zu schicken!“, rief ich. „ich nehme an, er hat großartige feministische und humanitaere reden geschwungen ueber das recht jedes einzelnen auf selbstbestimmung.“
„wie kannst du es wagen, mir solche vorwuerfe zu machen!“
„weiß gott, welche flausen der arzt mutter in den kopf gesetzt hat! und alles ist deine schuld!“
„du bist genauso schuld! wie kann man eine frau, die nicht weiß, was ein orgasmus ist, erotische literatur lesen lassen?“
eigentlich mach ich ja nen bogen um frauenbuecher... aber bei
frau tuil hab ich gut gelacht! nicht zuletzt gebaerden sich meine eltern, etwas geschmackloser wie oben beschrieben, nach dem gleichen rezept.
das ende aber ziemlich abrupt und wie gewollt und nicht gekonnt... da fehlt was, das kann doch nicht alles gewesen sein... da schmeckt man wohl den schlechten sex.
ruebefrei - 16. Aug, 09:28